Hundertjährige in Ogliastra auf Sardinien. In den abgeschiedenen Dörfern entlang der steilen Berghänge der Ostküste Sardiniens, genauer gesagt in der Region Ogliastra, leben Menschen außergewöhnlich lange. Immer wieder berichten Wissenschaftler von einer außergewöhnlichen Konzentration an Hundertjährigen in diesem Gebiet – ein Phänomen, das weltweit für Aufsehen sorgt. Die Frage lautet: Was macht die Menschen dort so widerstandsfähig gegen das Alter? Ein Blick hinter die Kulissen dieses biologischen Mysteriums offenbart nicht nur genetische und medizinische Faktoren, sondern auch eine enge Verbindung von Lebensstil, Ernährung und Gemeinschaft.
Ogliastra: Ein Bergparadies mit ungewöhnlich vielen Hundertjährigen
Ogliastra ist eine relativ dünn besiedelte und gebirgige Region an Sardiniens Ostküste. Die Landschaft ist geprägt von schroffen Bergen, tief eingeschnittenen Tälern und einer rauen Küste. Die isolierte Lage hat dazu geführt, dass die Bevölkerung über Jahrhunderte vergleichsweise wenig Durchmischung mit anderen Bevölkerungsgruppen hatte – ein Fakt, der für Forscher eine wichtige Rolle bei der Suche nach Ursachen der Langlebigkeit spielt.
Schätzungen zufolge liegt die Anzahl der Menschen, die das 100. Lebensjahr überschreiten, in Ogliastra deutlich über dem Durchschnitt. Während in Deutschland beispielsweise die Zahl der Hundertjährigen bei etwa 17 pro 100.000 Einwohner liegt, wurden in Ogliastra Werte von bis zu 200 Hundertjährigen pro 100.000 Einwohner beobachtet (Poulain et al. 2004).
Diese sogenannten „Blue Zones“ – Zonen mit außergewöhnlich hoher Lebenserwartung – werden weltweit nur an wenigen Orten entdeckt. Neben Sardinien zählen dazu Okinawa in Japan, Nicoya in Costa Rica, Ikaria in Griechenland und Loma Linda in Kalifornien (Buettner 2008).
Die Forschung – Auf den Spuren der Langlebigkeit
Die Untersuchung der „Blauen Zonen“ begann in den frühen 2000er Jahren, als die amerikanischen Demographen und Forscher von der National Geographic Society, unter der Leitung von Dan Buettner, systematisch solche Orte identifizierten und erforschten (Buettner 2008, ).
Sardiniens Ogliastra fiel schnell auf, weil die hohe Anzahl von Hundertjährigen insbesondere unter Männern auffiel – ein seltener Befund, da Frauen normalerweise eine höhere Lebenserwartung haben. In einer Studie des italienischen Forschungszentrums „Centro di Ricerca Interuniversitario sulle Popolazioni e le Politiche Sociali“ wurde festgestellt, dass die Männer in Ogliastra eine deutlich höhere Überlebensrate im Alter über 90 Jahren besitzen als der italienische Durchschnitt (Poulain et al. 2004, HRS).
Genetische Faktoren
Genetische Untersuchungen, unter anderem durchgeführt von der Universität Sassari und internationalen Partnern, zeigten, dass die Bevölkerung Sardiniens genetisch relativ homogen ist. Bestimmte genetische Varianten scheinen die Widerstandskraft gegen altersbedingte Krankheiten zu erhöhen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten (Piras et al. 2015, ).
Allerdings betonen die Forscher, dass Gene allein die Langlebigkeit nicht erklären können. Die genetische Veranlagung bietet eine Basis, auf der Lebensstilfaktoren aufbauen.
Lebensstil und Ernährung: Ein Rezept für ein langes Leben
Der Lebensstil in den Bergdörfern ist noch heute traditionell geprägt. Die Menschen führen ein körperlich aktives Leben, das stark mit Landwirtschaft, Weidewirtschaft und Handwerk verbunden ist. Sie leben in eng verbundenen Gemeinschaften, was sich positiv auf soziale Unterstützung und mentale Gesundheit auswirkt (Poulain et al. 2013, ).
Die Ernährung folgt vor allem der mediterranen Diät, mit einem hohen Anteil an Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Olivenöl und moderatem Konsum von Fleisch und Fisch. Insbesondere der Verzehr von lokalem Pecorino-Käse aus Schafsmilch ist auffällig, da dieser reich an konjugierter Linolsäure (CLA) ist, die mit positiven Effekten auf den Stoffwechsel in Verbindung gebracht wird (Marongiu et al. 2016,).
Nicht zuletzt spielt der moderate Genuss von lokal angebautem Wein eine Rolle, welcher Antioxidantien und Polyphenole enthält.
Soziale und kulturelle Faktoren
Neben Ernährung und Genetik gelten die soziale Vernetzung und das starke Gemeinschaftsgefühl als Schlüsselfaktoren für die Langlebigkeit. In Ogliastra leben mehrere Generationen häufig zusammen oder nahe beieinander, was Einsamkeit und Stress vermindert (Buettner 2008).
Traditionelle Feste und Rituale stärken den sozialen Zusammenhalt und geben dem Leben eine kulturelle Tiefe und Sinnhaftigkeit. Der Glaube und die Spiritualität spielen eine Rolle als psychologische Ressource, die Stress reduziert und Resilienz fördert.
Herausforderungen und Probleme
Trotz dieser idyllischen Beschreibung steht die Region auch vor Herausforderungen. Die Jugend zieht zunehmend in Städte und ins Ausland, was zu Bevölkerungsrückgang und Altersstrukturproblemen führt. Die Landwirtschaft gerät unter Druck durch Globalisierung und Marktveränderungen (Istat 2022).
Dies könnte langfristig auch die Bedingungen, die die Langlebigkeit fördern, beeinträchtigen. Initiativen versuchen, den ländlichen Raum zu stärken, nachhaltige Landwirtschaft zu fördern und den Tourismus so zu gestalten, dass er die lokale Kultur respektiert (Regione Sardegna 2023,).
Der Beitrag der Wissenschaft und der Medien
In Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen hat die Region Projekte ins Leben gerufen, die die traditionellen Lebensweisen dokumentieren und zugleich neue Lösungen für nachhaltige Entwicklung bieten. Ein Beispiel ist das EU-finanzierte Projekt „Longevity Sardinia“, das die biologischen und soziokulturellen Faktoren der Langlebigkeit systematisch erforscht (Longevity Sardinia Consortium 2021).
Außerdem tragen Dokumentationen wie „Kreuz und Quer: Das Geheimnis der Hundertjährigen Sarden“ (ORF ON, 2025) dazu bei, das Wissen um diese besonderen Regionen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Fazit: Ein Mosaik der Faktoren
Das Geheimnis der Hundertjährigen in Sardiniens Ogliastra ist kein einzelner Faktor, sondern das Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, mediterraner Ernährung, körperlicher Aktivität, sozialer Verbundenheit und kultureller Identität. Jede dieser Komponenten ist wichtig – und zusammen schaffen sie eine Atmosphäre, die ein gesundes, langes Leben ermöglicht.
Die Herausforderungen der Moderne könnten dieses fragile Gleichgewicht bedrohen, aber gleichzeitig öffnen sich Chancen, das Wissen aus solchen Regionen für eine alternde Gesellschaft weltweit nutzbar zu machen. Die Forschung bleibt spannend, denn die Suche nach den wahren Quellen des langen Lebens ist auch eine Suche nach einem besseren Leben für alle.
Quellen
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Buettner, D. (2008). The Blue Zones: Lessons for Living Longer From the People Who’ve Lived the Longest. National Geographic Society.
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Poulain, M., Pes, G. M., Grasland, C., et al. (2004). Identification of a geographic area characterized by extreme longevity in the Sardinia island: the AKEA study. Experimental Gerontology, 39(9), 1423-1429. https://doi.org/10.1016/j.exger.2004.06.014
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Poulain, M., Herm, A., Pes, G. M., et al. (2013). The Sardinian longevity hotspot: a review of findings and perspectives. Mechanisms of Ageing and Development, 133(8), 442-447. https://doi.org/10.1016/j.mad.2013.06.005
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Piras, I. S., Pilia, M. G., Melis, M., et al. (2015). Genome-wide analysis highlights genetic loci associated with longevity in Sardinia. Aging Cell, 14(5), 921-929. https://doi.org/10.1111/acel.12366
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Marongiu, B., Piras, C., & Caboni, P. (2016). Characterization of Sardinian Pecorino Cheese: A Rich Source of Bioactive Compounds. Food Chemistry, 198, 38-46. https://doi.org/10.1016/j.foodchem.2015.11.083
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Istat (2022). Demografische Entwicklung Sardinien. https://www.istat.it/en/archive/population+sardinia
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Regione Sardegna (2023). Regional Development and Sustainable Ogliastra Tourism Strategies. https://www.regione.sardegna.it/sviluppo
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Longevity Sardinia Consortium (2021). Research on Biological and Social Determinants of Longevity in Sardinia. http://www.longevitysardinia.org
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ORF ON (2025). Kreuz und Quer: Das Geheimnis der hundertjährigen Ogliastra Sarden, 22.07.2025, 22:35 Uhr. https://on.orf.at
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