Ein Gerät, das aus Meerwasser Trinkwasser aus Sonnenlicht verwandelt – ohne Strom, ohne Emissionen. Kann das die Wasserkrise lösen?
Wasserknappheit zählt zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Über zwei Milliarden Menschen weltweit haben keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser (WHO, 2023). Die Erde ist zwar zu 70 % von Wasser bedeckt – doch fast ausschließlich in Form von salzhaltigem Meerwasser. Entsalzungsanlagen könnten helfen, doch sie sind bisher teuer, energieintensiv und klimaschädlich.
Jetzt sorgt eine bahnbrechende Entwicklung am Massachusetts Institute of Technology (MIT) für Aufsehen: Ein neues solarbetriebenes Entsalzungsgerät produziert Trinkwasser aus Sonnenlicht – ganz ohne Strom, ohne bewegliche Teile, mit erstaunlicher Effizienz. Diese Innovation könnte die Wasserwelt verändern.
Wie funktioniert die Technologie? Die Natur als Ingenieur
Das MIT-Gerät basiert auf einem natürlichen Prinzip: dem Wasserkreislauf. Es nutzt Sonnenenergie, um Meerwasser zu verdampfen. Anschließend wird der Dampf kondensiert – zurück bleibt reines, trinkbares Wasser. Das Besondere: Die Anlage benötigt keinen Strom, sondern funktioniert allein mit passiver Sonnenwärme.
Herzstück ist ein mehrstufiges Verdampfer-Kondensator-System, das sogenannte Multistage Evaporation. In jeder Schicht wird die Restwärme der vorherigen genutzt – ein Trick, der die Effizienz enorm erhöht. Bereits bei rund 50 °C beginnt der Verdampfungsvorgang – eine Temperatur, die in vielen Regionen allein durch Sonneneinstrahlung erreicht wird (Zhang et al., 2023).
Im Test erzeugte ein Kollektor von einem Quadratmeter Fläche mehr als 5 Liter Trinkwasser pro Stunde – etwa das Vierfache herkömmlicher solarer Entsalzungssysteme (MIT News, 2023).
Trinkwasser aus Sonnenlicht: Die Visionäre hinter dem Projekt
Geführt wurde das Projekt von Dr. Lenan Zhang und Prof. Evelyn Wang, beide renommierte Forscherinnen und Forscher am MIT Device Research Laboratory. Unterstützt wurden sie vom Abdul Latif Jameel Water and Food Systems Lab (J-WAFS), das sich mit globaler Wasser- und Ernährungssicherheit befasst.
„Unser Ziel war eine Lösung für Regionen ohne Stromnetz, ohne technisches Personal und mit großer Wasserknappheit“, sagt Zhang im Gespräch mit MIT News (2023). Deshalb verzichtete das Team bewusst auf komplexe Elektronik und mechanische Bauteile – der Entsalzer soll wartungsfrei, mobil und skalierbar sein.
Trinkwasser aus Sonnenlicht – ein Rettungsanker für Küstenregionen?
Gerade abgelegene, sonnenreiche Küstengebiete – etwa in Afrika, Südostasien oder Lateinamerika – könnten stark von dieser Technologie profitieren. Trinkwasser aus Sonnenlicht bedeutet dort: keine Abhängigkeit von Stromnetzen, kein Bedarf an Dieselgeneratoren, keine CO₂-Emissionen.
Auch bei Naturkatastrophen oder in Flüchtlingscamps kann der solarbetriebene Entsalzer eingesetzt werden. Das MIT sieht sein Gerät nicht nur als Notfalllösung, sondern auch als langfristige Perspektive für Gemeinden mit chronischer Wasserunsicherheit.
Laut WHO sterben jährlich rund 485.000 Menschen an Durchfallerkrankungen durch verunreinigtes Trinkwasser (WHO, 2023). Ein tragbares Gerät, das in der Lage ist, Meerwasser in sauberes Wasser zu verwandeln – mit nichts weiter als Sonnenlicht – könnte lebensrettend sein.
Der Clou: Salzrückführung ohne Pumpe
Ein zentrales Problem solarer Entsalzungsanlagen ist die Salzansammlung. Ohne Abtransport verstopfen viele Systeme nach kurzer Zeit. Die MIT-Ingenieure haben dafür eine elegante Lösung gefunden: Mithilfe eines natürlichen Konvektionsstroms wird Salz kontinuierlich ausgetragen – ohne mechanische Pumpe, nur durch intelligente Schichtführung.
Damit ist das System nicht nur effizient, sondern auch robust gegen Verkrustung – und langfristig nutzbar ohne aufwendige Wartung.
Noch Fragen offen – aber enormes Potenzial
Bis zur Marktreife wird es noch etwas dauern. Aktuell wird an der Serienproduktion und an Tests unter realen Bedingungen gearbeitet. Unklar ist noch, wie das Gerät in staubiger Umgebung, bei schwankender Sonneneinstrahlung oder bei Wellengang direkt auf dem Meer funktioniert.
Auch der Preis steht noch nicht endgültig fest. Doch durch einfache Materialien und Fertigung in größerem Maßstab rechnen die Entwickler mit einem günstigen Preis pro Liter. Das Gerät sei so konzipiert, dass es auch in entwicklungsschwachen Regionen lokal produziert und repariert werden kann.
Fazit: Eine stille Revolution – und ein Hoffnungsträger für den globalen Süden
Trinkwasser aus Sonnenlicht – das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Doch die Entwicklung des MIT-Teams zeigt, dass mit klugem Design und einem tiefen Verständnis natürlicher Prozesse nachhaltige Lösungen möglich sind, wo konventionelle Technik versagt.
Die Kombination aus Effizienz, Einfachheit und Autarkie macht den solarbetriebenen Entsalzer zu einem potenziellen Wendepunkt im Kampf gegen die weltweite Wasserkrise. Ob in Dörfern ohne Infrastruktur, auf Inseln ohne Süßwasserquellen oder in der Nothilfe nach Katastrophen: Dieses Gerät könnte die stille Revolution bringen – mit der Kraft der Sonne.
Quellenangaben
MIT News (2023) Trinkwasser aus Sonnenlicht Solar-powered system offers a route to off-grid, sustainable desalination. Available at: https://news.mit.edu/2023/solar-desalination-drinking-water-1005 (Accessed: 29 July 2025).
Zhang, L. et al. (2023) Trinkwasser aus Sonnenlicht Passive and scalable solar thermal desalination system with high performance. Published in Joule, Cell Press. Available at: https://doi.org/10.1016/j.joule.2023.09.002 (Accessed: 29 July 2025).
Shahzad, M. W. et al. (2017) ‘Multi-effect desalination driven by renewable energy: A viable option for sustainable water production in remote areas’, Renewable and Sustainable Energy Reviews, 76, pp. 150–159. DOI: https://doi.org/10.1016/j.rser.2017.03.064.
WHO (2023) Drinking-water. World Health Organization. Available at: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/drinking-water (Accessed: 29 July 2025).
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