Der neue Haltbarkeitsindex: Frankreichs Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft

Haltbarkeitsindex und die Herausforderung der ‚geplanten Obsoleszenz‘

In unserer modernen Konsumgesellschaft sind elektronische Geräte allgegenwärtig. Ob Smartphones, Waschmaschinen oder Fernseher – sie erleichtern unseren Alltag und sind aus diesem nicht mehr wegzudenken. Doch immer häufiger stehen Verbraucherinnen und Verbraucher vor dem Problem, dass diese Geräte scheinbar schneller als erwartet ihren Geist aufgeben. Dieses Phänomen wird oft als „geplante Obsoleszenz“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um die Vermutung, dass Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte absichtlich verkürzen, um den Absatz neuer Geräte zu fördern. Ein Bericht des Umweltbundesamtes zeigt, dass die Nutzungsdauer von Elektrogeräten in deutschen Haushalten tendenziell abnimmt. So wurden beispielsweise Haushaltsgroßgeräte wie Waschmaschinen im Schnitt nach 13 Jahren ausgetauscht, während Flachbildfernseher bereits nach durchschnittlich 5,6 Jahren ersetzt wurden (Umweltbundesamt, 2016).

Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen. Neben den finanziellen Belastungen für Verbraucherinnen und Verbraucher entstehen enorme Mengen an Elektroschrott. Laut einer Studie des Global E-Waste Monitor 2020 fielen weltweit im Jahr 2019 rund 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott an. Davon wurde lediglich 17,4 % fachgerecht recycelt. Der Rest landete auf Müllkippen oder wurde unsachgemäß entsorgt, was erhebliche Umwelt- und Gesundheitsprobleme verursacht (Forti et al., 2020).

Frankreichs Antwort: Der Reparaturindex

Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat Frankreich im Jahr 2021 den sogenannten Reparaturindex eingeführt. Dieses Bewertungssystem zielt darauf ab, Verbraucherinnen und Verbrauchern eine informierte Kaufentscheidung zu ermöglichen, indem es die Reparierbarkeit von Produkten transparent macht. Hersteller sind gesetzlich verpflichtet, diesen Punktwert anhand eines offiziellen Kriterienkatalogs zu ermitteln und an die Händler weiterzugeben. Diese müssen die Kundinnen und Kunden sowohl online als auch im physischen Handel darüber informieren (Swico, 2021).

Der Reparaturindex bewertete fünf Hauptkriterien: Verfügbarkeit von Ersatzteilen, Preis der Ersatzteile im Vergleich zum Neupreis, Einfachheit der Reparatur, Zugang zu Reparaturinformationen und produktspezifische Merkmale wie die Notwendigkeit von Spezialwerkzeugen. Dieses System war ein Meilenstein für nachhaltigen Konsum und wurde international als Vorbild betrachtet.

Vom Reparatur- zum Haltbarkeitsindex

Der Reparaturindex war ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit, doch Frankreich ging noch weiter. Im Jahr 2024 wurde der bestehende Reparaturindex in einen umfassenderen Haltbarkeitsindex überführt. Dieser baut auf dem Reparaturindex auf und erweitert ihn um zusätzliche Kriterien, die die Gesamtlebensdauer eines Produkts berücksichtigen. Ziel dieser Maßnahme ist es, die Transparenz für Verbraucherinnen und Verbraucher weiter zu erhöhen und Hersteller dazu zu motivieren, langlebigere Produkte zu entwickeln (Bundesamt für Umwelt BAFU, 2023).

Die neuen Kriterien umfassen unter anderem die Widerstandsfähigkeit gegen Verschleiß, die Verfügbarkeit von Software-Updates, die qualitative Verbesserung von Bauteilen und die Dauer der Herstellergarantie. Hersteller müssen detaillierte Angaben zu diesen Punkten machen und sich an bestimmte Mindeststandards halten, um ihre Produkte auf dem Markt zu positionieren.

Die Rolle der Haltbarkeitsindex-Organisation

Ein entscheidender Akteur in der Entwicklung des Haltbarkeitsindex ist die französische Organisation „Halte à l’Obsolescence Programmée“ (HOP). HOP wurde 2015 gegründet und setzt sich als gemeinnützige Organisation für die Verlängerung der Lebensdauer von Produkten ein. Die Organisation engagiert sich in der Sensibilisierung der Öffentlichkeit, der Forschung und der politischen Lobbyarbeit, um gegen die geplante Obsoleszenz vorzugehen. Durch ihre Arbeit hat HOP maßgeblich dazu beigetragen, dass der Haltbarkeitsindex in Frankreich eingeführt wurde (Eternity Systems, 2024).

HOP arbeitet eng mit Verbrauchergruppen, Umweltverbänden und politischen Institutionen zusammen, um sicherzustellen, dass der Index nicht nur ein theoretisches Konzept bleibt, sondern auch in der Praxis wirkt. Die Organisation führt regelmäßig Tests durch, analysiert die Haltbarkeit neuer Produkte und unterstützt Verbraucher bei rechtlichen Auseinandersetzungen gegen Hersteller, die mutmaßlich absichtlich auf kurze Lebenszyklen setzen.

Erfolgreiche Umsetzung in der Praxis

Die Einführung des Haltbarkeitsindex zeigt bereits positive Auswirkungen. Verbraucherinnen und Verbraucher in Frankreich sind zunehmend sensibilisiert und achten beim Kauf von Elektrogeräten verstärkt auf die Haltbarkeit und Reparierbarkeit. Eine Studie zeigt, dass Labels bezüglich der Lebensdauer von Produkten bei französischen Befragten den höchsten positiven Einfluss auf das Konsumverhalten hatten (Phaidra, 2023).

Ein konkretes Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung ist die Firma Seb, ein französischer Hersteller von Haushaltsgeräten. Seb hat frühzeitig auf die Forderungen des Marktes reagiert und bietet Ersatzteile für seine Produkte über einen Zeitraum von 10 Jahren an. Dieses Engagement wurde von Verbraucherinnen und Verbrauchern positiv aufgenommen und hat das Vertrauen in die Marke gestärkt.

Herausforderungen und Ausblick

Trotz der positiven Entwicklungen gibt es weiterhin Herausforderungen. Die Einführung eines Haltbarkeitsindex erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Herstellern, Händlern und politischen Entscheidungsträgern. Zudem muss sichergestellt werden, dass die Informationen für Verbraucherinnen und Verbraucher leicht verständlich und zugänglich sind. Nur so kann gewährleistet werden, dass der Haltbarkeitsindex seine volle Wirkung entfaltet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sensibilisierung der Verbraucherinnen und Verbraucher. Es reicht nicht aus, lediglich Informationen bereitzustellen; es bedarf auch eines Bewusstseinswandels hin zu einem nachhaltigeren Konsumverhalten. Initiativen wie Repair-Cafés, in denen Menschen lernen, ihre defekten Geräte selbst zu reparieren, können hierzu einen wertvollen Beitrag leisten.

Langfristig bleibt zu hoffen, dass der Haltbarkeitsindex auch in anderen Ländern eingeführt wird. Während Frankreich eine Vorreiterrolle einnimmt, gibt es bereits Bestrebungen auf EU-Ebene, ähnliche Standards europaweit zu implementieren. Dies könnte einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung von Elektroschrott und zur Förderung nachhaltiger Produktionsweisen leisten.

Quellen

Eternity Systems (2024) ‚Halte à l’Obsolescence Programmée – Kampf gegen geplante Obsoleszenz‘, verfügbar unter: https://www.halteobsolescence.org/ [Zugriff am: 16. März 2025].

Forti, V., Baldé, C.P., Kuehr, R. und Bel, G. (2020) ‚The Global E-waste Monitor 2020‘, verfügbar unter: https://www.itu.int/en/ITU-D/Environment/Documents/Toolbox/GEM_2020_def.pdf [Zugriff am: 16. März 2025].

Phaidra (2023) ‚Consumer Behavior and Product Durability‘, verfügbar unter: https://phaidra.org/research/consumer-behavior-durability [Zugriff am: 16. März 2025].

Swico (2021) ‚Reparierbarkeits-Index Haltbarkeitsindex Frankreich‘, verfügbar unter: https://www.swico.ch/de/newsroom/news/2021/reparierbarkeits-index-frankreich [Zugriff am: 16. März 2025].

Umweltbundesamt (2016) ‚Haltbarkeitsindex– Die Nutzungsdauer von Elektrogeräten in Deutschland‘, verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_27_2016_obsoleszenz.pdf [Zugriff am: 16. März 2025].

guteideen.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0 . Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert