Wohngenossenschaften in Uruguay: In Uruguay schließen sich Familien zu Wohngenossenschaften zusammen, um gemeinsam bezahlbaren, würdevollen Wohnraum zu schaffen. Sie bauen selbst, sie entscheiden selbst – und zeigen, wie eine demokratische Wohnform auch in Krisenzeiten funktionieren kann.
In einem Hinterhof in Montevideo schleppt ein älterer Mann Zement, während zwei Kinder in der künftigen Einfahrt spielen. Kein Bauunternehmen, kein Investor – hier entsteht ein Zuhause in Eigenregie. „Wir bauen nicht nur Häuser. Wir bauen Nachbarschaften, die halten“, sagt Lucía, die mit ihrer Familie Teil einer Wohngenossenschaft in Uruguay ist. Was in Europa wie eine idealistische Randidee klingt, ist hier bewährte Praxis – gestützt durch staatliche Gesetzgebung und getragen von jahrzehntelanger Erfahrung (Brennan, 2025).
Wie alles begann: Die ersten Wohngenossenschaften in Uruguay
In den 1960er-Jahren stand Uruguay vor einer drängenden Herausforderung: Tausende lebten in prekären Siedlungen ohne rechtliche Sicherheit oder Infrastruktur (Arbulo & Rodríguez, 2024). Inspiriert von internationalen Genossenschaftsmodellen gründeten Gewerkschafter, Sozialaktivisten und Architekten erste Projekte auf Basis von gegenseitiger Hilfe. Das Ziel: bezahlbaren Wohnraum schaffen, ohne in den Immobilienmarkt einzusteigen.
1968 verabschiedete das Parlament die bahnbrechende Ley de Vivienda Nº 13.728 – das Wohnungsbaugesetz, das Genossenschaftsstrukturen legal verankerte und damit das Fundament legte für das, was später als Erfolgsmodell international Beachtung fand (SDG16+, 2023).
Zwei Wege zum gemeinsamen Wohnen
Wohngenossenschaften in Uruguay unterscheidet man in zwei Hauptformen:
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Spargenossenschaften („ahorro previo“)
Mitglieder sparen rund 15 % der Projektkosten an und erhalten dafür Zugang zu günstigen staatlichen Krediten. Eigentum bleibt kollektiv – jede Familie erwirbt ein lebenslanges Nutzungsrecht, das vererbbar ist (Co-operative Housing International, 2022a). -
Mutual-Aid-Genossenschaften („ayuda mutua“)
Wer kein Kapital einbringen kann, beteiligt sich mit Eigenleistung: etwa 21 Stunden Bauhilfe pro Woche über 12 bis 18 Monate. Das reduziert Baukosten und stärkt Gemeinschaft (World Habitat, 2023).
Beide Modelle eint: Land und Gebäude bleiben im Besitz der Genossenschaft, werden also dauerhaft vom privaten Markt ferngehalten – ein klarer Schutz vor Spekulation (Tribune Magazine, 2020).
FUCVAM und FECOVI: Rückgrat der Bewegung
Die Dachorganisationen FUCVAM (Föderation mutualer Genossenschaften) und FECOVI (Föderation der Spargenossenschaften) koordinieren, beraten und vertreten über 2.000 Wohngenossenschaften in Uruguay. Allein FUCVAM zählt rund 25.000 angeschlossene Haushalte – das sind fast 90.000 Menschen, die über Wohngenossenschaften in Uruguay leben (World Habitat, 2023).
Ein zentraler Akteur ist auch das Centro Cooperativista Uruguayo (CCU) – ein technisches Beratungsnetzwerk, das bei Planung, Finanzierung und Umsetzung von Wohngenossenschaften in Uruguay hilft. Diese IATs (Instituciones de Asistencia Técnica) sind gesetzlich vorgeschrieben und helfen, Qualität und Gemeinschaftsprinzipien zu wahren (SDG16+, 2023).
Politischer Rückenwind – und Rückschläge
Unter der Militärdiktatur (1973–1985) war das Genossenschaftsmodell bedroht: FUCVAM wurde kriminalisiert, Projekte gestoppt, Aktivisten verfolgt (Arbulo & Rodríguez, 2024). Doch nach der Demokratisierung lebte die Bewegung wieder auf – unterstützt von der linken Regierungskoalition Frente Amplio, die ab 2005 gezielt öffentliche Förderprogramme und Grundstücke bereitstellte (Co-operative Housing International, 2022b).
Heute existieren über 2.200 Wohngenossenschaften in Uruguay, viele davon im urbanen Zentrum Montevideo. Dort wurden verlassene Gebäude saniert, städtischer Leerstand belebt, und neue Wohnviertel geschaffen – nicht durch Investoren, sondern durch Bürgerinnen und Bürger (Brennan, 2025).
Alltag im Genossenschaftshaus
Anders als im klassischen Eigentum wohnen Mitglieder in Wohngenossenschaften in Uruguay nicht isoliert. Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen, regelmäßig gibt es Versammlungen. Infrastruktur wie Spielplätze, Gemeinschaftsräume oder Gärten wird gemeinsam verwaltet.
Auch nach dem Bau bleiben viele Wohngenossenschaften in Uruguay aktiv: Sie organisieren Bildungsangebote, Nachbarschaftsfeste oder kümmern sich um Instandhaltung. Die monatlichen Beiträge decken Kredit- und Betriebskosten. Wer auszieht, bekommt seine Einlage anteilig zurück – eine faire, aber nicht spekulative Rückvergütung (Brennan, 2025).
Wo es hakt – und wie man es verbessert
Das Modell ist stark – aber nicht perfekt:
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Finanzielle Ungleichheit: Steuerliche Belastung und bürokratische Hürden benachteiligen Genossenschaften gegenüber privaten Investoren (Co-operative Housing International, 2022a).
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Langfristige Mitwirkung: Nicht alle Mitglieder bleiben aktiv – in einigen Projekten sinkt die Beteiligung mit der Zeit (Tribune Magazine, 2020).
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Replikation im Ausland: Der Transfer in andere Länder erfordert rechtliche und kulturelle Anpassungen (World Habitat, 2023).
Dennoch: Initiativen in Argentinien, Haiti oder El Salvador übernehmen Teile des Modells – oft mit Unterstützung von FUCVAM über Süd-Süd-Kooperationsprogramme (World Habitat, 2023).
Warum die Welt hinschauen sollte
Ob Berlin, Barcelona oder San Francisco – die globale Wohnungsnot wächst. Mietpreise explodieren, Spekulation verdrängt Menschen. Wohngenossenschaften in Uruguay zeigen: Ein anderes Wohnen ist möglich. Ohne Luxus, aber mit Würde. Ohne Markt, aber mit Verantwortung.
Es geht nicht nur um Architektur. Es geht um ein Prinzip: Wohnraum als Recht, nicht als Ware. Genossenschaftliches Bauen ist kein Allheilmittel – aber eine erprobte, realistische Alternative für jene, die Wohnpolitik neu denken wollen.
Quellenangaben
Arbulo, C. & Rodríguez, F. (2024) ‘Democracy and mutual aid in Uruguay’s housing cooperatives’, Housing Studies. Available at: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02673037.2024.2392697
Brennan, T. (2025) ‘What the world can learn from Uruguay as the global housing crisis deepens’, Naked Capitalism. Available at: https://www.nakedcapitalism.com/2025/07/what-the-world-can-learn-from-uruguay-as-the-global-housing-crisis-deepens.html
Co-operative Housing International (2022a) ‘Uruguay’s housing situation’, Housinginternational.coop. Available at: https://www.housinginternational.coop/co-ops/uruguay/
Co-operative Housing International (2022b) ‘FECOVI – Uruguay’, Housinginternational.coop. Available at: https://www.housinginternational.coop/members/federacion-de-cooperativas-de-vivienda-fecovi/
SDG16+ (2023) ‘A housing model based on mutual aid’, SDG16.plus. Available at: https://www.sdg16.plus/policies/a-housing-model-based-on-mutual-aid-to-allow-low-income-families-to-access-affordable-housing/
Tribune Magazine (2020) ‘Latin America’s Co-ops Are an Alternative to the Housing Crisis’, Tribune Magazine. Available at: https://tribunemag.co.uk/2020/07/latin-americas-co-ops-are-an-alternative-to-housing-crisis
World Habitat (2023) ‘FUCVAM: South-South Cooperation and the International Transfer of Uruguay’s Mutual Aid Model’, World Habitat Awards. Available at: https://world-habitat.org/world-habitat-awards/winners-and-finalists/south-south-cooperation-international-transfer-of-the-fucvam-model-of-mutual-aid-housing-cooperatives/
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